Kommunikationsformen und die Utopie von einer anderen Demokratie: Piraten, Grüne und 68er

Posted on 16th April 2012 in Off Topic, Politik

Wer nachhaltig für seine politischen Ziele mobilisieren will, der braucht Kommunikationsformen, die die Utopie von einer anderen Demokratie glaubhaft symbolisieren.


1968

Als am 15. September 1967 einige hundert junge Menschen versuchten, mit einem Go-in in die Sondersitzung des Abgeordnetenhauses Berlin im Schöneberger Rathaus einzudringen, gaben sie vor, dies nicht zur Durchsetzung vorher abgestimmter politischer Ziele zu tun. Sie skandierten vielmehr “Wir wollen diskutieren”.

“Diskutieren” war das Fahnenwort der 68er-Bewegung. Diskutieren war gleichbedeutend mit dem Praktizieren von Demokratie. In einem Berliner Flugblatt mit dem Titel “Warum wir demonstrieren — Warum wir diskutieren” formulierte eine Studentin: “eine demokratie funktioniert nicht durch verbote, sondern durch argumentation und gegenargumentation — auch, wenn diese anregungen von einer minderheit ausgehen.” Das Politikverständnis, das in der Formel “Demokratie ist Diskussion” sinnfälligen Ausdruck erhielt, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Demokratische Entscheidungen erhalten ihre Legitimität allein aus der Ratio des besseren Arguments, der sich eine ggf. irrende Mehrheit unterwerfen muss.



Ausschnitt aus einem diskussionskritischen Flugblatt der Kommune I



Das Go-in in die Sitzung des Abgeordnetenhauses Berlin zeigt zudem, dass die Parlamente in den Augen der 68er nicht der Ort waren, in denen sich das bessere Argument Geltung verschaffen konnte. Die außerparlamentarische und in weiten Teilen auch antiparlamentarische Bewegung setzte vielmehr auf nicht-repräsentative Formen diskursiver Meinungsbildung, etwa das Teach-in. Das Teach-in war eine Form der politischen Massendiskussion, die ohne Beschränkung der Teilnahme und des Rederechts auskommen wollte und in der nicht der Diskussionsleiter, sondern alle Teilnehmer demokratisch über Inhalte und Verfahrensfragen entscheiden sollten.

Diskutieren innerhalb der Bewegung repräsentierte einen hierarchiefreien, egalitären Umgang zwischen den Gesprächspartnern und versprach Erkenntnisgewinn. Diskussionen mit den politischen Gegnern wurden eingefordert, um deren mangelndes Demokrativerständnis zu entlarven. Natürlich waren im einleitenden Beispiel die Berliner Parlamentarier nicht bereit, mit den Protestierenden im Rahmen einer Abgeordnetenhaussitzung zu diskutieren, was die Aktivisten als Beleg ihrer undemokratischen Haltung und der in ihren Augen völlig ungenügendenden Partizipationsmöglichkeiten in der parlamentarischen Demokratie denunzieren konnten. Diskussion forderten die Aktivistinnen und Aktivisten überall dort ein, wo Autorität oder Tradition in ihren Augen größeres Gewicht hatten als das bessere Argument:

  • In Vorlesungen und Seminare, in denen Wissen ex cathedra verkündet und nicht diskursiv verhandelt wurde.
  • Bei Immatrikulationsfeiern, in denen die Ordinarien die Hochschule feierten, Studenten aber kein Rederecht hatten.
  • In Parlamentssitzungen, in denen über, aber nicht mit den Aktivisten debattiert wurde.
  • In Gottesdiensten, in denen zwar Frieden gepredigt wurde, die Gräuel des Vietnamkrieges aber unerwähnt blieben.
  • In Gerichtsverhandlungen, in denen von Angeklagten unter Androhung von Strafe die totale Unterordnung in die in Gerichten geltenden Verhaltensnormen verlangt wurden.

Selten wurde die Forderung freilich erfüllt und so entstanden kritische Ereignisse, die erheblich zur Mobilisierung und Radikalisierung der Bewegung beitrugen.

Diskutieren im Sinne einer argumentativen und kontroversen Aussprache wurde von den Aktivisten zu einer Praxis erhoben, deren Symbolwert mindestens so groß war wie ihre kommunikative Funktion. Allein der formale Vollzug der Aussprache erfüllte bereits einen Zweck. Diskutieren war damit (auch) ein Ritual, über das sich die Protestbewegung definierte, ein Ritual durch das sie sich von den Etablierten zu unterscheiden glaubte, ein Ritual, das mobilisierte und integrierte.


DIE GRÜNEN

Auch als DIE GRÜNEN 1983 erstmals in den Bundestag einzogen, sorgten sie nicht nur wegen ihrer politischen Inhalte für Aufsehen, sondern auch wegen der Formen ihrer politischen Kommunikation. Zur konstituierenden Sitzung des 10. Bundestages am 29. März 1983 zogen die Abgeordneten — einem Demonstrationszug gleich — vom Bonner Hofgarten ins Regierungsviertel und ließen sich dabei symbolisch von der Basis begleiten. In ihrem Selbstverständnis war die Partei nämlich lediglich ein Ast des mächtigen Baumes der neuen sozialen Bewegungen, der in die Parlamente hineinwuchern sollte. In der Präambel des Bundesprogramms von 1980 heißt es: “Wir halten es für notwendig, die Aktivitäten außerhalb des Parlaments durch die Arbeit in den Kommunal- und Landesparlamenten sowie im Bundestag zu ergänzen. [...] Wir werden damit den Bürger- und Basisinitiativen eine weitere Möglichkeit zur Durchsetzung ihrer Anliegen und Ideen eröffnen.”

Die Grünen inszenierten sich als “Anti-Parteien-Partei” (Petra Kelly) und waren ihrem Selbstverständnis nach “die Alternative zu den herkömmlichen Parteien” (Präambel des Bundesprogramms von 1980). Der Antiparlamentarismus speiste sich aus der Kritik an einer politischen Klasse, die den Interessen von Wirtschaft und Kapital diente, an einem Repräsentationsprinzip, das die Abgeordneten nicht auf den Willen der Volkes verpflichtete, und an einer Professionalisierung der Politik, die die Durchsetzung neuer Ideen verhinderte. Um eine Korrumpierung der eigenen Abgeordneten durch das parlamentarische System zu verhindern, fassten die Grünen im Januar 1983 die sog. Sindelfinger Beschlüsse. Demnach sollten die Abgeordneten ihr Mandat nur zwei Jahre wahrnehmen und dann für ihre Nachfolger Platz machen (Rotationsprinzip), in ihrem Abstimmungsverhalten und in ihrer sonstigen parlamentarischen Tätigkeit an die Beschlüsse der Basis gebunden sein (imperatives Mandat) und nur so viel verdienen wie ein Facharbeiter (Diätenbegrenzung). Daneben beschlossen die Grünen auch eine Trennung von Parteiamt und Mandat, um eine Machtkonzentration auf wenige Personen zu verhindern.

Auch in kommuniktiver Hinsicht setzten die Grünen alles daran, sich als basisdemokratische Partei zu inszenieren. Sie benannten keine Spitzenkandidaten für Wahlen, druckten keine Köpfe auf Wahlplakate, und gaben der Partei auf Bundes- und Länderebene kollektive Führungen aus zunächst je drei Vorsitzenden, die jedoch den Titel “Sprecher” führten, um zu betonen, dass diese eigentlich keine Macht besäßen, sondern nur die Beschlüsse der Basis nach außen kommunizierten.

Die Grünen verschrieben sich zudem dem Prinzip der Transparenz: Statt Delegiertenversammlungen sollten ausschließlich Mitgliederversammlungen abgehalten werden; die “Mitgliederoffenheit der Sitzungen und Gremien auf allen Ebenen” ist im Bundesprogramm 1980 festgeschrieben. Zudem sollten die Versammlungen der Grünen nicht nur den Mitgliedern, sondern allen interessierten Menschen offen stehen. Auch die ersten Fraktionssitzungen der Grünen im Bundestag waren öffentlich. Neben zahlreichen Pressevertretern nahmen auch die Nachrücker, Fraktionsmitarbeiter und Vertreter der Basis an den Sitzungen teil, die in der Anfangszeit nicht selten 10 bis 15 Stunden dauerten.

Und sie bedienten sich selbstverständlich weiterhin aktionistischer Formen der Politik. Zur konstitutierenden Sitzung des 10. Bundestages zog einer “eine spindeldürre, nadellose Fichte hinter sich her. Zwei andere rollten eine überdimensionale Weltkugel. Viele trugen Blumen.” erinnert sich Ludger Vollmer in seinem Buch “DIE GRÜNEN. Von der Protestbewegung zur etablierten Partei — Eine Bilanz” (2009) an die Prozession ins Regierungsviertel. Am 15. Juli 1983 setzten sich Petra Kelly und Gert Bastian zusammen mit Wolf Biermann in einen Käfig und ketteten sich an den Zaun des Bundeskanzleramts, um gegen die Auslieferung eines Kurden an die Türkei zu demonstrieren.

Auch die Grünen benutzten also neue Kommunikationsformen und kommunikative Rituale, um ihre Identität als basisdemokratische Anti-Parteien-Partei und als parlamentarischer Ausleger der neuen sozialen Bewegungen zu symbolisieren. Die öffentlichkeitswirksamen Inszenierungen und Provokationen bescherten ihnen Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit.

Den neuen Kommunikationsformen der 68er und der Grünen wohnte ein utopisches Moment inne: sie schienen das Versprechen zu geben, dass eine qualitativ andere Demokratie möglich ist. Eine Demokratie, die dem besseren Argument verpflichtet ist, die allen Menschen Zugang zu politischen Entscheidungsprozessen ermöglicht und in der die Entscheidungsfindung sich transparent vollzieht.


Und die Piraten

Wirft man einen Blick auf die Anfänge der Grünen, dann erscheint die Piratenpartei nur noch wenig originell. Vorsitzende, die sich als Sprecher verstehen und sich an die Voten der Basis gebunden fühlen, die Verpflichtung der Mandatsträger auf den Willen der Basis, öffentliche Fraktionssitzungen, Transparenzversprechen und öffentlich ausgetragene Streitigkeiten — das alles gab es schon bei den Grünen und sogar radikaler als bei den Piraten heute.

Dennoch verkörpert auch die Piratenpartei die Utopie einer anderen Demokratie. Und zwar weniger durch ihr politisches Programm als vielmehr durch die Formen der innerparteilichen Kommunikation und Entscheidungsfindung. Mit neuen technischen Mitteln wird der Versuch unternommen “Entscheidungen nicht im Rahmen von Vertreterversammlungen zu treffen, sondern einen basisdemokratischen Ansatz auch bei steigenden Mitgliederzahlen umsetzen zu können”, wie es im Piratenwiki zum Schlagwort Liquid Democray heißt. Dabei wird das Prinzip der Basisdemokratie um die Möglichkeit der Delegation der eigenen Stimme für bestimmte Themen oder Politikfelder ergänzt. Auch die Piratenpartei versucht die Utopie einer direkten Demokratie (Möglichkeit der Beteiligung aller Mitglieder an der Entscheidungsfindung) zu verwirklichen und setzt darauf, dass sich in Systemen wie LiquidFeedback Kompetenz (delegated voting) und der besser argumentierende Antrag Geltung verschaffen werden. Die innerparteiliche Kommunikation soll am Ende ein Modell für die Demokratie als Ganze sein.

68er, Grüne und Piraten haben in ihrer jeweiligen Zeit Kommunikationsformen besetzt und zu ihrem Markenzeichen gemacht, die Ausdruck eines alternativen Demokratieverständnisses waren, das gemessen an der Realität der parlamentarischen Demokratie durchaus als utopisch gelten kann. Es ist dieser durch die alternativen Kommunikationsformen symbolisierte Anspruch, der den neuen Bewegungen und Parteien ihr Charisma verlieh und verleiht und den neugegründeten Parteien eine so schnelle Mobilisierung von Wählern ermöglichte.

Freilich: Debatten mit den politischen Gegnern waren in den späten 60er und frühen 70er Jahren selten herrschaftsfreie rationale Diskussionen, sondern hatten häufig Tribunalcharakter. Und die Grünen haben Rotation, imperatives Mandat und öffentliche Fraktionssitzungen schnell wieder abgeschafft. Auch LiquidFeedback ist bei den Piraten längst keine allgegenwärtige Plattform zur politischen Meinungsbildung. Und dennoch: Der Anspruch ist symbolisch formuliert, das Versprechen, alles besser machen zu wollen, ist gegeben. Ob es gehalten wird, das wird die Zukunft zeigen. Das Symbol aber wirkt schon in der Gegenwart.


Interview zum Thema “Protest, Medien, Gewalt und Staat”

Posted on 21st März 2012 in Politik

Vor einiger Zeit habe ich Manuela Frey vom Magazin prisma, das von Studierenden der Universität St. Gallen (HSG) gemacht wird, ein Interview zum Thema “Protest, Medien, Gewalt und Staat” gegeben. Den Text gebe ich hier wieder. Im Kontext kann man das Interview hier lesen. Das ganze Heft kann man auch als PDF herunterladen.


Herr Scharloth, was ist Protest?

Öffentliche Äusserung von Dissens.

Haben sich Protestformen seit 1945 stark verändert? Oder wird das soziologische Phänomen des Protests im Grunde immer ähnlich bleiben?

Ich denke nicht, dass wir von starken Veränderungen sprechen können. Eher von einer Ausdifferenzierung und Professionalisierung. Zudem hat es das Internet, das alle Teilnehmer zu potenziellen Sendern macht, leichter gemacht Protest zu organisieren und zu artikulieren. Ob der Protest ähnlich bleiben wird, hängt nicht vom Protest alleine ab. Protest ist immer bezogen auf die politischen und sozialen Verhältnisse und auf die Strukturen der Öffentlichkeit. Wenn sich hier etwas fundamental ändert, dann ändert sich auch der Protest.

Medien (Pressefreiheit) und Proteste (Versammlungs- und Meinungsfreiheit) sind oft genannte Grundpfeiler einer Demokratie. Wie hängen diese zwei Pfeiler zusammen?

Protest braucht Medien, um für ein Thema möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen. Daher sind Protestbewegungen darum bemüht, Ereignisse zu inszenieren, die in die Medienlogik passen und einen Nachrichtenwert haben. Solche Ereignisinszenierungen im Medienformat sind ein Zeichen für die Professionalisierung des Protests. Andererseits transformieren die Medien die Botschaften, um sie für ihr spezifisches Publikum interessant und konsumierbar zu machen. Daher gehört es zur Medienpolitik von Protestbewegungen auch, dass sie sich eigene Medien schaffen, seien es Live-Streams von Protestereignissen, Flugblätter oder Webseiten. Interessant erscheint mir vor diesem Hintergrund die Frage der begrenzten Regelverletzung und noch mehr der Gewalt. Medien berichten nämlich bevorzugt dann von Protesten, wenn es in ihrem Rahmen zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und Polizei oder zu nennenswerten Sachbeschädigungen gekommen ist. Der Wunsch der Medien (und ihrer Konsumentinnen und Konsumenten) nach Skandalisierbarem und das Aktionsrepertoire von Protestbewegungen beeinflussen sich hier gegenseitig. Ich kenne Aktivisten, die deshalb auch stillschweigend Aktionen des Schwarzen Blocks billigen, auch wenn sie sich offiziell von Gewalt distanzieren.

Welche Rolle hat also Gewalt für Protestbewegungen?

Gewalt schafft natürlich auch kritische Ereignisse, durch die Bewegungen eine Identität bekommen oder sich radikalisieren können. Denken Sie an die so genannten Globuskrawalle, die die Situation in Zürich 1968 komplett veränderten, an den Tod von Benno Ohnesorg 1967 in Berlin, der ein Wendepunkt für die 68er-Bewegung in Deutschland war, oder an den Tod von Carlo Giuliani während des G8-Gipfels 2001 in Genua.

Interessant ist aber auch eine andere Frage: Welche Rolle spielt die Gewalt in sozialen Bewegungen für den Staat?

Zu den nichtintendierten Effekten von Protestbewegungen gehört, dass sie dazu geführt haben, dass Polizei und Nachrichtendienste aufgerüstet haben. Denken Sie an die Anschaffung von Wasserwerfern in Folge der Proteste der 68er oder die Ausstattung der Polizei mit Gummigeschossen im Zuge der Jugendunruhen in den frühen 1980ern. Gewaltsamer Protest kann daher von staatlicher Stelle durchaus gewünscht sein, um in einer Güterabwägung Einschränkungen von Grundrechten zu rechtfertigen. Daher gibt es auch immer wieder Gerüchte über Agents Provocateurs, die sich wie im Fall der 68er-Bewegung in der BRD teilweise als wahr erwiesen haben.

Kann man im Zusammenhang mit dem Internet und Social/New Media von einer “Verbequemlichung” des Protests sprechen?

Es lässt sich ja heutzutage von der Couch aus eine Onlinepetition ausfüllen oder seine Meinung auf Facebook oder Twitter massenwirksam kundtun. Die Hürde, Protest zu artikulieren, ist dadurch sicher kleiner geworden. Aber Ihre Frage klingt so, als müsse es mit grosser Anstrengung verbunden sein, Kritik öffentlich zu äussern, damit sie glaubhaft ist. Der Punkt ist hier: Es mag leichter geworden sein, Dissens zu artikulieren. Aber weil so viele die Möglichkeit haben, sich zu allem Möglichen zu äussern, ist es auch viel schwieriger, Aufmerksamkeit dafür zu erzeugen. Eine einzelne Äusserung auf Twitter oder Facebook interessiert doch nur eine sehr kleine Anzahl von Menschen und wird im Strom der anderen Meldungen davongespült. Damit Aufmerksamkeit im Netz entstehen kann, müssen viele Menschen etwas Ähnliches tun. Und das zu organisieren und zu orchestrieren, ist wieder eine Menge Arbeit und Engagement von vielen Einzelnen.

Glauben Sie, dass der Arabische Frühling auch ohne die Hilfe von Twitter, Facebook und Co. in der Form stattgefunden hätte?

Zum Arabischen Frühling: Ehrlich gesagt — keine Ahnung. Da gibt es solche und solche Meinungen. Interessant finde ich eher, dass das Internet und die sozialen Medien in den letzten Jahren selbst zum Politikum geworden sind. Das ist im Grunde nicht neu: Auch früher haben sich Proteste gegen Medien gerichtet, denken Sie an die Anti-Springer-Kampagne der deutschen 68er-Bewegung. Aber die Situation ist heute natürlich eine andere: Facebook und Twitter stellen selbst keine Inhalte zur Verfügung und haben eher das Image, eine Plattform zu sein, auf der jeder seine Meinung frei äussern kann. Einerseits wegen der Erfahrungen im Arabischen Frühling (Internetabschaltungen, Sperrung sozialer Netzwerke), aber auch wegen ihres Datenhungers und der Gerüchte über Backdoors für amerikanische Sicherheitsbehörden hat die Reflexion darüber begonnen, was es bedeutet, dass kritische Öffentlichkeit über die Plattformen und Server von weltweit sehr wenigen privaten Unternehmen hergestellt wird. Die Strukturen des Internets sind daher selbst zum Thema einer Protestbewegung geworden. In ihrer Folge wird sich meiner Meinung nach die Bewegung hin zu dezentralen sozialen Netzwerken, die sich Abschaltung, Zensur und staatlicher Überwachung weitgehend entziehen, verstärken.

Wie wird ein Protest in 50 Jahren aussehen?

Warten wir’s ab!


Themenerkennung durch Kompositaanalyse

Posted on 17th März 2012 in ideology mapping, Linguistische Kategorien

Liebe Freunde der Sicherheit,

heute wollen wir uns eine sprachliche Kategorie ansehen, die zusammen mit anderen einen Beitrag zur Ideologieerkennung leisten kann: Komposita. Die deutsche Sprache ermöglicht es ihren Sprecherinnen und Sprechern ja bekanntermaßen, Wörter aus mehreren Bestandteilen (sog. Morphemen) zusammenzusetzen. Aus dem Nomen “König” und dem Suffix “lich” wird zum Beispiel “königlich”. Ein Wort wie “Königstiger” besteht aus dem lexikalischen Morphem /könig/, einem sog. Fugenelement /s/ und dem lexikalischen Morphem /tiger/. Im ersten Fall, wo ein neues Wort mit Hilfe eines Affix gebildet wird, spricht man von Derviation. Wird ein Wort aus zwei oder mehr lexikalischen Morphemen (also Morphemen, die auch alleine stehen können) zusammengesetzt, dann sprechen Linguistinnen und Linguisten von Komposition.

Die Komposition ist im Deutschen ein sehr wichtiges Wortbildungsmittel, wichtiger als in vielen anderen Sprachen. So können mit Hilfe der Komposition sogar ad hoc Sachverhalte mit neuen Wörtern bezeichnet werden, wenn sich die Bedeutung aus den einzelnen Gliedern erschließen lässt. Denken wir an das schöne Kompositum “Selbstverteidigungsminister”.

Interessant wird es aber wie immer erst dann, wenn man sich Komposita in größeren Mengen anschaut. Denn wenn über ein Thema intensiv gesprochen und geschrieben wird, dann steigt nicht nur die Frequenz des themenspezifischen Wortschatzes, sondern es steigt auch die Anzahl der verwendeten Komposita, die mit Hilfe dieses Wortschatzes gebildet werden können. Augenscheinlich wird dies am Beispiel des lexikalischen Morphems /terror/, dessen Distribution in der ZEIT (print) ich visualisiert habe.


Komposita mit dem lexikalischen Morphem /terror/ in der ZEIT (print) 1995-2011



Man sieht, dass mit dem Jahr 2001 die Frequenz des Lemmas “Terror” zwar ansteigt, die Verwendung von Komposita (token), die /terror/ enthalten, jedoch noch viel stärker zunimmt. Gleichzeit steigt auch die Anzahl der Komposita (types), die überhaupt verwendet werden. Der themenspezifische Wortschatz differenziert sich mittels Komposition also aus und wird zudem häufiger verwendet. Komposita scheinen also ein guter Themenindikator zu sein, vielleicht sogar ein besserer als Schlagworte.

Wenn man das, was hier am Beispiel von /terror/ illustriert wurde, für den gesamten Wortschatz in einem Korpus macht, erhält man natürlich ein sehr viel aussagekräftigeres Bild. Ich will dies anhand einer Analyse eines rechtsextremen Nachrichtenportals anschaulich machen. Es handelt es sich dabei um den inzwischen sowohl online als auch offline eingestellten sog. “Rundbrief an Freunde und Förderer der volkssozialistischen Bewegung” mit dem Titel “Der Fahnenträger”. Von diesem Elaborat enthält das Untersuchungskorpus 222 Texte mit zusammen 566.905 laufenden Wortformen.

Um die Aussagekraft der Ergebnisse zu erhöhen, wurde berechnet, welche lexikalischen Morpheme im “Fahnenträger” signifikant häufiger zur Bildung von Komposita benutzt wurden als in der gedruckten ZEIT der letzten 17 Jahre. Das Ergebnis habe mit den 90 signifikantesten lexikalischen Morphemen habe ich in einer Wortwolke visualisiert:


Der Fahnenträger

DemokratwirtschaftlichirischrevolutionierenMilitärneoliberalpolitischEigentumGewaltLohnarbeitenantiUnionistKundgebungAutonomieDKPimperialBDMimperialistischIreRasseAgrarzentralistischmarxistischPSIGewerkschaftMarxistKAPDKlasseFaschismusRegierungWiderKampfPolitikstaatlichkapitalHerrschaftregierenMachtImperialImperialismusISAFFAUArditiEuzkadiScheringerVWNsozialRUCBDOADGBKapitalSchlageterArbeitOrganisationNiekischBaskeFaschistFrontLinksfaschistischreaktionärNRWirtschaftGSRNNationalerevolutionärBahamasSFMASNKFDFéinBRDParteikapitalistischFiumeAntifaflämischStaatSozialistKPDETAKapitalistnationalNSVolkFlameIRAsozialistischStrasser

Das Ergebnis ist auf den ersten Blick verwirrend: Es finden sich auffällig viele Komposita mit den Akronymen radikaler, extremistischer und terroristischer Organisationen der Linken wie der Rechten, lexikalische Morpheme aus dem Kontext der (marxisitschen) Kapitalismuskritik (“neoliberal”, “Lohn”, “Eigentum”, “Klasse”, “Imperialismus”, “reaktionär”, “kapital” etc.), zugleich aber auch lexikalische Morpheme, die auf nationalistisch-völkische Ideologie verweisen (“Volk”, “national”, “Flame”, “flämisch”, “faschistisch”, “Strasser”). Dies entsprach freilich der politischen Selbstverortung der Macher. Sie sahen sich “jenseits des ‘rechten Mainstreams’” und orientierten sich, laut Endstation Rechts “an Bestandteilen des Rätekommunismus, des Syndikalismus und der ‘Dritten Welle’ des Weimarer Nationalbolschewismus.” Dies erklärt auch die häufigen Komposita mit dem Namen Gregor Strassers.

Die Kompositaanalyse scheint also ein durchaus adäquates Abbild des Themenspektrums des “Fahnenträgers” zu liefern. Dass die Welt auch eine schönere Seite hat, zeigt der komplementäre Blick auf die für die ZEIT typischen lexikalischen Morpheme, aus denen die meisten Komposita bestehen.


DIE ZEIT

MotorEuroberatenSommerBühnePartyFahrtsparenKundeInselTischHerstellerhohÖkoMaschineFarbeEisliebPlatzWerbungSzeneMarkesuperWaldMannManagerTypGartenModellGerätFanModeNachtGeschäftPlatteBaumNetzSchiffRaumSportTierKlangFußballFirmaTraumRomanFernsehStückZimmerSchuleLichtInternetKünstlerRadBandDorfKarteForscherTechnikWeinTestHotelStraßeTourFußProjektTonfahrenHolzLiebeBahnAutoWerkReisReiseTheaterFamilieKunstFilmMusikHausBuchfliegenBildKindforschenStadtFlugBallSpiel


Post-Privacy im 19. Jahrhundert: Das Kind im Glashaus

Posted on 23rd Februar 2012 in Überwachung und Sicherheit

Liebe Freunde der Sicherheit,

schon im 19. Jahrhundert wusste man um die heilsame Wirkung des Entzugs der Privatheit. Der Frankfurter Verleger und Kinderbuchautor Heinrich Oswalt liefert uns hierfür mit seiner moralisierenden Verserzählung “Das Kind im Glashaus” von 1877 einen beeindruckenden Beleg. Der Text ist der Sammlung “Unter’m Märchenbaum: Allerlei Märchen, Geschichten und Fabeln in Reimen und Bildern” entnommen und ist mit Bildern von Eugen Johann Georg Klimsch illustriert.



Das Kind im Glashaus

In Frankfurt lebt ein Glasermeister,
Herr Lebrecht Scheibenmann, so heißt er;
Der hat ein kleines Töchterlein,
Das wollte nie gewaschen sein.
Und kam mit Schwamm und Seif sein Gretchen,
Da lief davon das böse Mädchen;
Es warf sogar den Waschtisch um -
Das Wasser floß im Haus herum.





Da fing Herr Lebrecht Scheibenmann
Ein seltsam Haus zu bauen an,
Aus lauter Glas ein Haus, das, ach!
Durchsichtig war bis unters Dach.
Und in dies Glashaus setzte man
Das böse Töchterlein sodann.
Da blieben, um es anzusehn,
Die Leute auf der Straße stehn.
Von allen Seiten kamen sie,
Wenn’s jetzt beim Waschen wieder schrie;
Sie sah’n ins Glashaus all hinein
Und lachten: “Ei! wer wird so schrei’n!”
Am Nähtisch saß Frau Scheibenmann
Und warnte: “Jeder sieht dich an!”
Da schämte sich das Kind und lief
Im ganzen Haus herum und rief:
“Wo soll ich mich denn nur verstecken?
Man sieht mich ja in allen Ecken!
Das Dach, der Keller, jedes Zimmer
Ist ja von Glas! man sieht mich immer!”





Die Mutter sprach: “Mein liebes Kind!
Ein Mittel gibt’s, das hilft geschwind:
Wenn dich die Leute artig sehn
Dann werden sie vorübergehn;
Wirst du beim Waschen nicht mehr schrei’n,
Dann sehn sie auch nicht mehr herein:
Wirst du dich brav und gut benehmen,
Dann brauchst du dich nicht mehr zu schämen.
Ein artig Kind nur Freude macht;
Unart’ge werden ausgelacht!” -
Das merkte sich das Töchterlein;
Es nahm sich vor, geschickt zu sein.
Und weil’s beim Waschen nicht mehr schrie,
Da lachten auch die Leute nie;
Denn jeder, der ins Haus jetzt blickt,
Der sieht ein Kind, das ganz geschickt.





Und habt Ihr selbst ein Kind, Ihr Leut’,
Das bei dem Waschen immer schreit,
Sagts nur Herrn Lebrecht Scheibenmann,
Der schafft Euch gleich ein Glashaus an.

Und die Moral der Geschichte für unsere heutige Zeit? Alle Datenschutzkritiker dürfen sich bestätigt sehen. Und auch die letzten Verteidiger der Privatsphäre sollten endlich zugeben, dass Post-Privacy mehr ist als eine Zustandsbeschreibung, sondern ein Programm zur moralischen Besserung der Welt.


Das ökonomische 9/11: Fnord in der ZEIT im Verhältnis zum DAX

Posted on 16th Februar 2012 in Off Topic

Liebe Freunde der Sicherheit,

vor einiger Zeit habe ich eine kleine Statistik vorgelegt, die zeigte, dass in SPIEGEL Online der Angstindex im Ressort Politik seit dem 11. September 2001 auf einem höheren Niveau verharrt, als vorher. Der Angstindex ist eine simple Größe: er repräsentiert die relative Frequenz von mehr als 800 potenziell Angst verbreitenden Wörtern und n-Grammen. Ein Angstindex von 0.002 bedeutet, dass jedes 500. Wort das Potenzial hat, auf Sachverhalte zu verweisen, die angstbesetzt sind. Interessant war, dass mit der Finanzkrise der Angstindex im Ressort Wirtschaft erstmals über den im Ressort Politik kletterte.

Natürlich habe ich mich – so wie einige Kommentatoren – gefragt, ob die beobachteten Entwicklungen schon früher bei besonderen Ereignissen in ähnlicher Form auftraten oder ob sie als historisch einmalig und damit als Zeitphänomen gedeutet werden müssten. Da verlässliche Daten für SPON nur für die letzten 12 Jahre zu haben sind, habe ich mir das ZEIT-Archiv vorgenommen und den Fnord-Index seit den 1960er Jahren untersucht. Die folgende Grafik zeigt einen Vergleich des Angstindexes in den Ressorts Politik und Wirtschaft:



Angstindex im ZEIT-Archiv: Vergleich der Ressorts Politik und Wirtschaft



Auf den ersten Blick sieht man, dass auch in der gedruckten ZEIT der Angstindex im Ressort Wirtschaft seit Ausbruch der Finanzkrise über den im Ressort Politik geklettert ist. Anders als bei SPON geht der Angstindex im Politik-Ressort der ZEIT nach dem Maximum nach 9/11 wieder deutlich zurück und steigt erst wieder mit dem Beginn der Finanzkrise.

Betrachtet man die Entwicklung des Angstindex im Ressort Wirtschaft genauer, dann zeigen sich die monströsen Ausmaße, die die ZEIT der Finanzkrise zuschreibt.



Angstindex im ZEIT-Archiv, Ressort Wirtschaft



Niemals vorher kletterte der Angstindex auf ein so hohes Niveau und verharrte dort so lange: Die Ölkrisen, das Ende des Systems von Bretton Woods, das Platzen der Dotcom-Blase und sogar die Verunsicherungen nach dem 11. September 2001 erscheinen marginal angesichts der sich inzwischen über mehrere Jahre hinziehenden Finanz- und Wirtschaftskrise.

Legt man den (zurückberechneten) DAX über die Kurve des Angstindex, dann zeigt sich seit den späten 1990er Jahren ein Zusammenhang zwischen den beiden Kurven.



Angstindex im ZEIT-Archiv, Ressort Wirtschaft, und zurückberechneter DAX



Interessanterweise sieht es so aus, dass die Aktienkurse schon bei einem gleichbleibenden Angstindex steigen. Nur in Zeiten, in denen der Angstindex steigt, fallen die Aktienkurse. So ist der DAX trotz hohem Angstindex nach wie vor auf relativ hohem Niveau.

DISCLAIMER: Der monatliche Angstindex ist ein sehr grobes Messinstrument und ich behaupte nicht, dass er prognostische Qualitäten hat.


Entscheidungsbaumverfahren: Vornamen von Neonazis in Abhängigkeit von Wohnort und Alter

Posted on 25th Januar 2012 in Maschinelles Lernen

Liebe Freunde der Sicherheit,

wenn man Urheber von Bekennerschreiben identifizieren oder feststellen will, ob die Beiträge in einem Internetforum rechtsextreme Tendenzen haben, dann handelt es sich aus mathematisch-informatischer Perspektive um Klassifizierungsprobleme. Man nimmt im ersten Fall eine Menge von Texten, von denen man weiß, wer die Autoren sind. Diese Dokumente werden dann als numerische Vektoren dargestellt, die die Ausprägung möglicher relevanter Merkmale dieser Texte abbilden. Dann wendet man Methoden des maschinellen Lernens an, um einen Klassifikator zu finden, der die Texte, die zu unterschiedlichen Klassen gehören, voneinander unterscheidet. Dieser Klassifikator liefert uns dann einen Hinweise darauf, welcher Klasse sich der Urheber eines Bekennerschreibens mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zuordnen lässt.

Natürlich sind die Ergebnisse des Lernverfahrens nur so gut, wie die Entscheidung, welche Merkmale der Texte für die Klassifizierung relevant sein können. Einige der am häufigsten für die Autorenidentifizierung benutzten linguistischen Feature habe ich in einem früheren Post zusammengestellt. Mir geht es aber hier um die Grundidee des maschinellen Lernens: Man benutzt eine bereits klassifizierte Datenmenge, um aus ihr jene Merkmale zu extrahieren, die für die Klassifizierung unbekannter Daten relevant sind. Eine Möglichkeit, aus Daten Regeln für die Klassifizierung abzuleiten, ist das Entscheidungsbaumverfahren.

Entscheidungsbäume

Beim Entscheidungsbaumverfahren wird eine Datensatz Schritt für Schritt in Unterklassen geteilt. Diese Teilungen der Gesamtmenge in immer kleinere Teilmengen erfolgt anhand eines Sets von Merkmalen, von denen wir vermuten, dass sie für die Einteilung relevant sind.

Nun wollen wir den Datensatz in zwei Unterklassen teilen, die in sich möglichst homogen sind und sich daher auch möglichst stark von einander unterscheiden. Meist wird hier das Kriterium des Informationsgehaltes (Entropie) angewendet. Die Trennkriterien sind so zu wählen, dass die entstehenden Unterklassen im Hinblick auf eine resultierende Klassenverteilung möglichst homogen sind. Dieses Verfahren wendet man nun auch auf jede der neu berechneten Unterklassen an. Ist der Informationsgewinn durch eine weitere Teilung einer Unterklasse sehr gering, dann beendet man das Aufsplitten des Datensatzes an dieser Stelle.

Nach und nach wächst so ein “Baum”, die Bezeichnung eines gerichteten Graphen mit einem Wurzelknoten. Knoten markieren den Vergleich hinsichtlich eines Attributs, Kanten repräsentieren die verschiedenen Ausprägungen des Attributs, Blätter bezeichnen die Klasse. Pfade zu den Blattknoten stellen “Regeln” dar, die auf künftige Klassifizerungsaufgaben angewendet werden können.

Vornamen von Neonazis in Abhängigkeit von Wohnort und Alter

Nehmen wir ein unverfängliches Beispiel: Wir wollen wissen, welche Namen Neonazis in Abhängigkeit von Alter und Region typischerweise haben. Hierfür nehmen wir einen Datensatz, der auf der Nazileaks-Plattform publiziert wurde und Informationen zu Wohnort und Geburtsdatum enthält. Damit das Ergebnis einigermaßen übersichtlich bleibt, operationalisieren wir die Variable Region über den Postleitzahlenbereich. Um genau zu sein: wir definieren die erste Ziffer der Postleitzahl als relevantes Attribut für die Klassifizierung. Als zweites relevantes Attribut bestimmen wir das Alter.

decision tree: nazivornamen ~ alter + plz_raum (minsplit 20, maxdepth 7)
Entscheidungsbaum: Vornamen von Neonazis
in Abhängigkeit von Alter und PLZ-Raum
(CART, minsplit = 20, maxdepth = 7)

Der berechnete Entscheidungsbaum zeigt, dass zunächst die Variable Alter mit dem Merkmal “jünger als 36″ vs. “36 Jahre und älter” den Datensatz am besten in zwei Klassen trennt. Die beiden berechneten Subklassen werden beide wiederum durch das Attribut Alter in zwei Subklassen geteilt, ehe das Attribut PLZ-Bereich zu Spaltungen führt. Eine sich aus dem Entscheidungsbaum ableitbare Regel wäre: Neonazis, die über 44 Jahre alt sind und in den PLZ-Bereich 2, 3, 5 oder 7 wohnen, heißen Erik. Allerdings ist die Fehlerquote in den berechneten Klassen so hoch, dass eigentlich keine belastbaren Aussagen möglich sind. Wahrscheinlich haben wir nicht die richtigen Variablen in das Modell eingefügt.

Zwar ist der Baum in dieser Form gerade noch lesbar, aber dennoch überkomplex. Es gibt viele Endknoten, die nur wenige Objekte enthalten. Um die Ergebnisse besser generalisieren zu können, werden die Bäume “beschnitten”. Dieses Verfahren nennt man “Pruning”. Für den obigen Baum wurde schon ein Pre-Pruning vorgenommen: Die Anzahl der Verzweigungen wurde auf 7 begrenzt. Weil das immer noch recht viel ist, kann man auch ein Post-Pruning durchführen. Dabei fallen Knoten wegen oder werden durch ein Blatt ersetzt, die für die Relevanz für die Klassifizierung keine (oder nur geringe) Relevanz besitzen. Der beschnittene Baum hat dann z.B. diese Form:

decision tree: namen ~ alter + plz_raum (minsplit 20, maxdepth 7)
Beschnittener Entscheidungsbaum

Es gibt unterschiedliche Algorithmen zur Berechnung von Entscheidungsbäumen. Hier wurde mit dem CART-Verfahren gerechnet, bei dem der Datensatz bei einem Knoten jeweils binär gesplittet wird. Mein Kollege Noah Bubenhofer, von dem ich das Namensbeispiel übernommen habe, rechnet mit dem C4.5-Algorithmus.

Was kann man nun mit so einem Baum anfangen? Mit diesem speziellen Baum nicht viel. Die Fehlerquote ist zu hoch. Wäre sie niedriger, könnte man die Regeln wie folgt benutzen: Wenn wir den Vornamen einer Person kennen und wissen, dass diese Person ein Neonazi ist, dann könnten wir mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf Alter und PLZ-Bereich des Wohnortes schließen.



Postleitzahlbereiche in der BRD (Quelle: Wikipedia)



Natürlich könnten wir nun nicht einfach behaupten, dass Menschen, die André heißen, älter als 31 Jahre alt sind und aus dem PLZ-Bereich 0 kommen, mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit Neonazis sind. Um solche Aussagen zu ermöglichen hätten wir einen Datensatz gebraucht, der auch die Daten von nicht-Neonazis enthielte. Es könnte ja schließlich auch sein, dass Noenazis genause heißen wie der Rest der Bevölkerung und der obige Baum nur die regionale und altersspezifische Verteilung in Deutschland abbildet. Macht euch also keine Sorgen, wenn ihr Erik heißt und jünger als 22 Jahre alt seid: Wir wissen nicht, welche Gesinnung ihr habt. Noch nicht…

Autorenidentifizierung: Grundkonstellation und Variationen

Posted on 22nd Januar 2012 in authorship identification, Textklassifikation

Liebe Freunde der Sicherheit,

solange es noch keine Klarnamenpflicht im Internet gibt und noch keine wirksamen Mittel, sie durchzusetzen, ist die Autorenidentifizierung eines der Kerngeschäfte von Sicherheitsinformatikern.

Die Grundkonstellation bei der Autorenidentifizierung sieht wie folgt aus: Zu einem anonymen Text wird ein Autor gesucht. Es gibt eine begrenzte Anzahl möglicher Autoren, von denen jeweils ein Korpus von Texten existiert. Dieses Problem ist im Kern ein Kategorisierungsproblem: Wir müssen die Texte, bei denen die Autoren bekannt sind, anhand ihrer Merkmale in Klassen einteilen und dann untersuchen, in welche Klasse der anonyme Text aufgrund seiner spezifischen Merkmale einteilen würden. Dokumente werden hierfür als numerische Vektoren dargestellt, die die Ausprägung möglicher relevanter Merkmale dieser Texte abbilden. Dann wendet man Methoden des maschinellen Lernens an, um Klassifikatoren zu finden, die die Texte, die zu unterschiedlichen Klassen gehören, voneinander unterscheiden.

Es gibt aber auch eine Reihe von Problemen, die sich nicht mit den Standardverfahren maschinellen Lernens lösen lassen und bei denen die Autorenidentifikation noch nicht so erfolgreich ist:

  1. Das Verifikationsproblem: Es gibt kein geschlossenes Set an Kandidaten, aber einen Verdächtigen. Ziel ist es, Kriterien dafür zu finden, ob der Verdächtige der Autor ist oder nicht. Im Prinzip handelt es sich hier um ein Klassifikationsproblem mit nur einer Klasse – unschön!
  2. Das Nadel-im-Heuhaufen-Problem: Es gibt eine große Anzhal von Kandiadten von denen nur kleine Trainingskorpora zur Verfügung stehen. Wegen der großen Anzahl Kandidaten (und damit Klassen) können hier (noch) keine Lern-Modelle eingesetzt werden.
  3. Das Profiling-Problem: Es gibt keine Trainingskorpora, anhand derer wir Kandidatenprofile errechnen können; Ziel ist dann, möglichst viel über die Eigenschaften des Autors herauszufinden. Insbesondere Geschlecht, Muttersprache und Alter, aber auch charakterliche Grundeigenschaften sind Gegenstand der Analysen.

Dennoch ist die Klassifikation mittels Methoden maschinellen Lernens eine zentrale Technik bei der Autorenidentifizierung, aber auch in anderen Bereichen. Diese Methoden sollen im Blog nach und nach vorgestellt werden.


Metasprachliche markierte Ausdrücke in der ZEIT im Jahr 2011 und eine kleine Geschichte der BRD in Wörtern

Posted on 6th Januar 2012 in Allgemein, Linguistische Kategorien, Off Topic

Liebe Freunde der Sicherheit,

im vorletzten Post habe ich die Möglichkeit diskutiert, mittels metasprachlich markierter Ausdrücke Ideologien zu identifizieren, die von der herrschenden Semantik abweichen. Auch der publizistische Mainstream markiert Wörter oder Ausdrücke durch Anführungszeichen oder ein vorangestelltes “sogenannt”, wenn auch seltener. In Zeitungen werden vor allem neue, missverständliche oder inhaltlich umstrittene Ausdrücke markiert. Die folgende Wortwolke zeigt, welche Ausdrücke in der gedruckten ZEIT im Jahr 2011 markiert wurden:



Metasprachlich markierte Ausdrücke in der ZEIT (print) 2011



An der Wortwolke werden vor allem die wichtigsten Themen des Jahres sichtbar: Euro-Rettung, Terrorismus (Schuhbomber, Rucksackbomber, Kofferbomber und für uns Freunde der Sicherheit besonders interessant: Unterhosenbomber), arabischer Frühling, Atomkraft (Brückentechnologie, Restrisiko, Liquidator, Fukushima, Energiewende), Protestbewegungen (Wutbürgertum, Plärrer, Empörte) und Selbstverteidigungsminister KT. Es finden sich auch einige Klassiker: “drittes Reich” und “Führer” werden in den meisten Medien aus gutem Grund immer in Anführungszeichen gesetzt. Natürlich findet sich auch “alternativlos” als Unwort des Jahres in der Liste.

Ich habe auch für die anderen Jahrgänge der Zeit solche wordclouds berechnet. In der Gesamtschau erhält man eine kleine Geschichte der Bundesrepublik und ihrer gesellschaftlichen Debatten in einer Liste von Wörtern.

Als Lesehilfe: Je häufiger ein Ausdruck markiert wurde, desto größer wird er dargestellt. In einem Jahr zum ersten mal als markiert auftretende Ausdrücke sind rot, im Vergleich zu den anderen Jahren signifikant häufig auftretende Ausdrücke sind braun gefärbt.





Interessant ist, dass in Jahren von Krisen und Umbrüchen besonders viele Ausdrücke metasprachlich markiert werden. Die Jahre 1966-1969, 1977, 1989/90 sind dafür ein Beleg. Zieht man den Anstieg der Markierungen im Jahr 2011 im Vergleich zu den Jahren vorher in Betracht, dann muss die Diagnose heißen: wir erleben zurzeit einen Umbruch, der den großen Krisenjahren der BRD vergleichbar ist.


Anmerkung: Eine Filterung der Listen war nötig, da insbesondere Buch- oder Filmtitel auch in Anführungszeichen gesetzt werden. Dies wurde mit Hilfe einer Stoppliste automatisiert, eine Nachbearbeitung von Hand war dennoch nötig.

Für bessere Lesbarkeit: jenseits des Blog-Layouts habe ich noch eine schlichte HTML-Seite gemacht.


Postprivacy und Kommune: Heilsversprechen mit Tendenz zum Totalen

Posted on 10th Dezember 2011 in Überwachung und Sicherheit

Wer einen Paradigmenwechsel erfolgreich herbeiführen will, der muss Traditionen für sich vereinnahmen. Das Neue, für das man eintritt, erscheint den Kritikern nämlich dann nicht mehr ganz so schlimm, wenn man darauf verweisen kann, dass es schon früher etwas Ähnliches gegeben hat, besonders dann, wenn die Tradition, auf die man sich beruft, positiv besetzt ist. Die deutsche Postprivacy-Bewegung stellt sich nun in die Tradition der Kommunebewegung der späten 1960er Jahr. Rainer Langhans sollte auf der 0. Spackeriade die Keynote halten, darf nun aber nicht.

Lebensstil-Politik

Dabei hätte das durchaus Charme gehabt: Die Mitglieder der Kommune I, allen voran Fritz Teufel, Rainer Langhans und Dieter Kunzelmann waren die Popstars der 68er-Bewegung. Sie kleideten sich bunt, pflegten einen ostentativen Hedonismus und ernteten mit ihren Spaßguerilla-Aktionen viel Aufmerksamkeit. Indem die linksintellektuellen Politaktivisten die Kommunarden als Politclowns marginalisierten, erwiesen sie sich als blind gegenüber der politischen Dimension und der gesellschaftlichen Sprengkraft dieses Lebensstils. Während Dutschke und andere SDS-Größen im Politikteil der Gazetten verhandelt wurden, belebte die Kommune I das Boulevard mit Homestories aus dem Kommunealltag und Geschichten über ihre Sexualität. Wie ihre Aktionen, so waren auch ihre Interviews wohl kalkulierte Ereignisinszenierungen im medientauglichen Format. Und das Boulevard dankte es ihnen mit Aufmerksamkeit. Eine Aufmerksamkeit, die es der Kommune ermöglichte, ihren expressiven Lebensstil über die Zentren des Protests hinaus bekannt zu machen. Dieser Lebensstil war eine Schnittstelle zwischen politischem Protest und jugendlicher Popkultur und damit ein wichtiger Katalysator für die Entstehung eines gegenkulturellen Milieus, dessen Angehörige viele gesellschaftliche Innovationen initiiert haben.

Diese Lebensstilpolitik hat der Kommune I natürlich viel Kritik eingebracht von jenen, die glaubten, Politisieren sei ein ernstes Geschäft, in dem man andere Menschen mit Argumenten überzeugen müsse. Auch die Spackeria erntet derzeit viel Kritik für ihre postprivatistischen Ideen und stilisiert sich zugleich zu einer Avantgarde, die sich weniger über Theorien definiert, sondern über ihren Lebensstil. Die Gemeinsamkeiten gehen jedoch tiefer.

Kommune und Postprivacy: das Ende der Privatheit

Anschlussfähig für die Post-Privacy-Bewegung ist der Umgang der Kommunebewegung mit dem Privaten. Die Kommune I wurde nach Dieter Kunzelmann aus der Einsicht heraus gegründet, dass eine Organisation, die “die Gesellschaft in Richtung auf eine anti-autoritäre, egalitäre, anti-private Struktur ändern will, sich selbst anti-autoritär und anti-privat organisieren muß.” (zitiert in Koplin 1968: 48). Von der Kommune I wird kolportiert, sie habe die Toilettentüren ausgehängt, damit ihre Mitglieder sich niemals der Gruppe entziehen könnten. Tatsächlich hat man wohl nur darauf bestanden, dass Zimmertüren offen bleiben sollten, obwohl auch hier Ausnahmen geduldet wurden. Die Linkeckkommune hatte sich darauf geeinigt, dass jeder das Recht habe, jederzeit jedes Zimmer zu betreten. Neben der Verhinderung von Vereinzelungen, sollte auch private Kommunikation nicht mehr möglich sein. Rainer Langhans hat mir erzählt, er hätte einen Lautsprecher ins Telefon eingebaut, damit die Mitbewohner immer das volle Gespräch mithören konnten, wenn jemand anrief. Während die Kommune I ihr Innenleben vor allem über die Presse nach außen trug, veröffentlichten andere Bücher: Hartmut Sanders und Ulrich Christians’ “Subkultur Berlin” enthielt lange Tonbandprotokolle von Gespräche der Linkeck-Kommune, Rolf-Ulrich Kaiser druckte 1970 in “Fabrikbewohner” Alltagsgespräche aus der Kommune X (auch Kommune 99 / Horla-Kommune) nach und der 1969 erschienene Bericht über den “Versuch der Revolutionierung des bürgerlichen Individuums” der Kommune 2 bestand vorwiegend aus Protokollen aus dem Alltagsleben der Kommunemitglieder.



Zeichnung aus dem Protokollbuch der Kommune 2

Zeichnung aus dem Protokollbuch der Kommune 2



Eschatologische Dimensionen

Die Entäußerung des Privaten — das deutet der Titel des K2-Buches an — geschah nicht aus der puren Lust am Exhibitionismus. Er folgte einem eschatologischen Programm: Es ging um nichts weniger als um die Schaffung eines neuen Menschen, der frei sein würde von den Zwängen bürgerlicher Existenz: “Nur der radikale Bruch mit der überkommenen Dreiecksstruktur der Familie kann zu kollektiven Lebensformen führen, in denen die Individuen fähig werden, neue Bedürfnisse und Phantasie zu entwickeln, deren Ziel die Schaffung des neuen Menschen in der revolutionierten Gesellschaft ist.“ (Kommune 2 1969: 70.) Auch hier zeigen sich Parallelen zur Post-privacy-Bewegung. Deren Utopie einer Ethik des Teilens und der Offenheit, die völlig neue Formen des Miteinanders hervorbringe, oder zur Unsterblichkeit durch Mindupload haben ebenfalls den Charakter einer Heilslehre. Heilbringendes Medium für die Postprivatisten ist die uneingeschränkte Kommunikation. Und auch das verbindet sie mit der Kommunebewegung.

Jeder muss alles sagen

Vergemeinschaftendes Herz der Kommunen der Frühzeit nämlich war das Gespräch. Nicht das zufällige Gespräch am Küchentisch, sondern das Gespräch mit rituellem Charakter: häufig eröffnet vom Schwellenritual des kreisenden Joint diskutierte man zu festen Zeiten mit stetig wiederkehrenden Sequenzmustern die Probleme des Zusammenlebens als Symptome für die mangelhafte Revolutionierung der Einzelnen.

In allen Kommunen bestand ein informeller Zwang zur Teilnahme an diesen Gesprächen. So war es der einzige verbindliche Grundsatz der Kommune 2, “über alle auftauchenden Probleme gemeinsam zu sprechen.” (Kommune 2 1969: 46) Nicht nur musste jedes Kommunemitglied zeitweilig Gegenstand des Gesprächs werden, es war auch so, dass sich jedes Mitglied in das Gespräch einbringen musste. Die Ablehnung eines Gesprächsthemas, Passivität und bloßes Zuhören waren nicht gestattet. So forderte Hans-Joachim Hameister in einer Diskussion der Kommune I am 22.3.1967, deren Protokoll nur in einer lückenhaften polizeilichen Abschrift überliefert ist: “jeder muß seine individuelle Situation auf den allgemeinen Stand bringen, Schweiger müssen reden u. warten nicht mehr darauf, daß ihr Problem verhandelt wird [...]. Diskussion heißt nicht mehr aufgesucht u. aufgefunden zu werden wie in der bürgerlichen Kommunikation”. Wer nicht mitmachte, flog raus: In der Kommune 2 weigerten sich Jörg und Lisbeth ihre Beziehungsprobleme vor dem Kollektiv auszubreiten — sie mussten die Kommune verlassen, denn sie hatten den “einzigen Kommune-Grundsatz angegriffen” (Kommune 2 1969: 46).

Die Unterwerfung des Einzelnen unter die Autorität der Gruppe

Konstitutiv für das Gemeinschaftsleben war zudem, dass alle Entscheidungen in den Kommunen nach ausführlicher Diskussion nach dem Konsensprinzip getroffen werden und verbindlich sein sollten. Dies konnte so weit gehen, dass — wie in der Kommune I geschehen — die Mitglieder nach eingehender Diskussion zu dem Ergebnis kamen, dass eine schwangere Kommunardin ihr Kind abtreiben lassen sollte. Die Mitglieder der Kommunen empfanden die Gespräche als “Psychoterrorsitzungen” (Przytulla 2002: 206), bei denen der psychische Zusammenbruch durchaus erwünscht war und zum Ritual des Reihengesprächs gehörte. Das belegt sogar eine Bemerkung Fritz Teufels, die sich in den Protokollen der Kommune I findet: “Zusammenbrüche produzierten eine Spannung, die nicht mehr zu ertragen war u. die Zusammenbrüche waren keine selbsttätigen, sondern Pflichtübungen den Autoritäten gegenüber. Autorität gleich Gruppenautorität.”

Die Kommunen verlangten also nichts weniger als die Unterwerfung des Einzelnen unter die Autorität der Gruppe. Der zunächst rein formale Zwang zur Teilnahme am Gespräch entfaltete Geltungsansprüche, die tief in die Freiheit der Einzelnen eingriffen und ins Totale spielen konnten. Nicht individuelle Entfaltung sondern Disziplinierung im Sinne der Gruppe waren das Ergebnis.

Postprivacy und Kommune

Und hier liegt die Pointe der ganzen Geschichte: Auch die Anhänger der Post-privacy-Ideologie erheben die rein formalen Forderung, keiner möge der Veröffentlichung von Daten im Wege stehen, und verbinden damit die vage Hoffnung auf eine Potenzierung individueller und gesellschaftlicher Möglichkeiten. Die Konsequenz aber, das ist aus den Kommuneexperimenten zu lernen, ist nicht ein höheres Maß an Freiheit, sondern eine Ausweitung der Geltungsansprüche der Vielen auf jeden Einzelnen und damit eine Einschränkung des Möglichkeitsraums.

Im Artikel “Kommunarden über sich selbst” in der konkret vom 7.10.1968 kritisiert ein Mitglied der Kommune 99 die postprivatistische Lebensweise: “Die K I hat in der Fabrik, wo sie jetzt wohnen, einen einzigen Raum, in dem sie alle zusammen leben. Ich stelle mir das fürchterlich vor. Wie willst du dich da zurückziehen? Ich halte es doch für sehr wichtig, daß man auch ein bißchen Privatleben hat. Man kann nicht so ausgerichtet sein, daß alles Individuelle verlorengeht. Im Gegenteil: Individuelle Eigenarten müssen gefördert werden.”


[Persönliche Nachbemerkung: Mit Rainer Langhans kann man reden und er kann sogar zuhören. Seine Ausladung finde ich daher bedauerlich.]



Literatur:

  • Kaiser, Rolf-Ulrich (1970): Fabrikbewohner: Protokoll einer Kommune und 23 Trips. Düsseldorf: Droste.
  • Kommune 2 (1969): Versuch der Revolutionierung des bürgerlichen Individuums. Berlin: Oberbaum Presse.
  • Mein, Wolf / Wegen, Lisa (1971): Die Pop-Kommune: Dokumentation über Theorie und Praxis einer neuen Form des Zusammenlebens. München: Heyne.
  • Peinemann, Steve B. (1975): Wohngemeinschaft. Problem oder Lösung?. Frankfurt am Main: Verlag Rieta Hau.
  • Przytulla, Dagmar (2002): “Niemand ahnte, dass wir ein ziemlich verklemmter Haufen waren”. In: Die 68erinnen. Porträt einer rebellischen Frauengeneration, hg. v. Ute Kätzel, Berlin: Rowohlt Berlin, S. 201–219.
  • Sander, Hartmut / Christians, Ulrich (1969): Subkultur Berlin. Darmstadt: März-Verlag.

Mein Buch zur Bedeutung der 68er-Bewegung für die Kulturggeschichte der BRD:


Scharloth, Joachim (2011): 1968. Eine Kommunikationsgeschichte. Paderborn: Fink.


Erkennung von Ideologien: Metasprachliche Markierungen als Kritik der herrschenden Semantik

Liebe Freunde der Sicherheit,

heute soll es nicht um Autorenerkennung gehen, sondern um die Frage, wie man den ideologischen Gehalt größerer Textmengen bestimmen kann. Illustrieren möchte ich dies an einem Thema, das uns besonders am Herzen liegt: die Treue zu unserer staatlich-politischen Grundordnung.

Systemkritische Bewegungen haben fast immer auch eine sprachkritische Tendenz. Ähnlich wie antipluralistische Systeme neigen sie zur Ausbildung einer eigenen Ideologiesprache, die zwar nicht notwendigerweise ausdrucksseitig (also im Hinblick auf die verwendeten Wörter und Wendungen), aber immer inhaltsseitig vom herrschenden Sprachgebrauch abweicht. Und dies mit gutem Grund: die herrschende Sprache – so die Vorstellung – habe verschleiernden Charakter und diene der herrschenden Klasse zur Gefügigmachung der Bürger, mithin als Herrschaftsinstrument.

Wahres Sprechen erfordert daher eine neue Sprache – so die an ontologisierende Sprachtheorien erinnernde Position. Selten kommen daher sich als revolutionär verstehende Bewegungen ohne kritische Thematisierungen der gegenwärtigen Sprache aus, bisweilen arbeiten sie sogar sprachliche Gegenentwürfe aus.

Letzteres geschieht häufig in Textsorten, die Wörterbüchern ähnlich sind. Beispielsweise findet sich im Netz ein rechtsextremes Elaborat, das eine Liste mit 126 zentralen Vokabeln aus den semantischen Feldern der Staatstheorie, der Philosophie, der Theologie und der “Rassenkunde” enthält, die im Sinne der Autoren abweichend vom Alltagssprachgebrauch definiert werden. “Diskriminierung” wird darin beispielsweise wie folgt bestimmt: “Kulturtugend. Abgrenzung (gegeneinander), Unterscheidung des Häßlichen vom Schönen, des Bösen vom Guten, des Falschen vom Wahren, des Schädlichen vom Nützlichen. Die Diskriminierung ist die grundlegende Fähigkeit, die menschliches Handeln auf den Gebieten der Kunst, der Religion, des Wissens, der Wirtschaft und der staatlichen wie bürgerlichen Ordnung der Gemeinwesen erst ermöglicht.” Die Definition bezieht sich auf die Bedeutung des lateinischen Verbs “discriminare”, in der das Wort auch ins Deutsche entlehnt wurde. Die Bedeutungsdimensionen der Herabsetzung und der Benachteiligung, die seit dem frühen 20. Jahrhundert die Verwendung des Wortes prägen, werden getilgt.

Die Existenz solcher wörterbuchartigen Umdeutungen von Begriffen ist Symptom einer elaborierten und systematischen Kritik der “herrschenden” Semantik. Häufiger jedoch findet sich in systemkritischen Texten eine eher unsystematische Ad-hoc-Kritik am gängigen Sprachgebrauch, indem die entsprechenden Ausdrücke metasprachlich markiert werden. Damit wird die Ablehnung der traditionellen Verwendungsweise der markierten Vokabeln zum Ausdruck gebracht. Diese Ablehnung kann sich entweder gegen die Wortform selbst oder gegen das Konzept, das dem Ausdruck zugrunde liegt, richten. Ein rechtskonservativer Politiker übt beispielsweise mit der Formulierung “Einwohner mit ‘Migrationshintergrund’” Kritik an der in Anführungszeichen gesetzten Wortform und drückt damit aus, dass diese nicht Teil seines persönlichen politischen Vokabulars ist. Kritik am Konzept, das hinter einem Ausdruck steht, wird etwa geübt, wenn von der “sogenannten Demokratie” die Rede ist. Solche Sprachthematisierungen haben eine strategische Funktion. Daneben gibt es natürlich noch weitere Sprachthematisierungen, die ausschließlich erläuternden Charakter besitzen. Hier werden Wörter definiert, erklärt, oder es wird ihr Gebrauch legitimiert.

Sprachkritische Markierungen bieten somit einen Ansatzpunkt für die informatische Operationalisierung von Einstellungen gegenüber der herrschenden Ordnung, insofern sie als Indikatoren der Kritik an zentralen politischen Konzepten und der herrschenden Semantik insgesamt gedeutet werden können.

Um zu überprüfen, ob die linguistische Kategorie der metasprachlichen Markierung als Indikator für Distanz zur herrschenden Semantik und damit als Marker systemkritischer Gesinnung gelten kann, habe ich zusammen mit Kollegen ein paar Proberechnungen an den Pressemitteilungen der Bundesparteien in der Legislaturperiode von 2005-2009 vorgenommen. Im Folgenden findet ihr die Frequenz von metasprachlichen Markierungen je 10.000 Wörtern (SPD und CDU stehen hier deshalb neben einander, weil sie eine Koalition bildeten; PDL-KPF steht für die Kommunistische Plattform innerhalb der Partei DIE LINKE.).

 


Anzahl metasprachlich markierter Ausdrücke je 10.000 Wörter in den Pressemitteilungen von Parteien (2005-2009)

Anzahl metasprachlich markierter Ausdrücke je 10.000 Wörter
in den Pressemitteilungen von Parteien (2005-2009)



Die Parteien und Gruppierungen an den Rändern des politischen Spektrum weisen eine höhere Frequenz metasprachlicher Markierungen auf als die im Bundestag vertretenen Parteien. Während bei letzteren der Höchstwert bei rund 20 Sprachthematisierungen je 10.000 Wörtern liegt (CDU), liegt er bei den anderen Parteien, die vom Verfassungsschutz überwiegend als extremistisch bezeichnet werden, zwischen rund 33 (MLPD) und 80 (DKP).

Auch eine qualitative Auswertung der metasprachlichen Ausdrücke, die in den Pressemitteilungen auftreten, bestätigt, dass die Parteien an den Rändern des politischen Spektrums ihre Ablehnung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung mit sprachlichen Mitteln explizit machen. Die folgende Abbildung zeigt den Anteil der metasprachlich markierten Ausdrücke zur Bezeichnung von Institutionen beziehungsweise Grundwerten des demokratischen Verfassungsstaates an allen metasprachlicher Markierungen.

 


Anteil von Wendungen zur Bezeichnung des demokratischen Verfassungsstaates und seiner Organe an allen metasprachlich markierten Ausdrücken (Pressemitteilungen von Parteien 2005-2009)

Anteil von Wendungen zur Bezeichnung des demokratischen Verfassungsstaates
und seiner Organe an allen metasprachlich markierten Ausdrücken
(Pressemitteilungen von Parteien 2005-2009)



Insbesondere bei den rechtsextremen Parteien, aber auch bei der MLPD findet sich demnach ein vergleichsweise hoher Anteil antipluralistisch intendierter metasprachlicher Markierungen. Zwar liegt der Wert bei den Grünen auch vergleichsweise hoch, allerdings ist die Frequenz metasprachlicher Markierungen bei den Grünen insgesamt derart gering, dass die 3,2 % markierter Ausdrücke, die Grundwerte und Institutionen des Verfassungsstaates bezeichnen, nicht ins Gewicht fallen.

Es scheint also, als seien Quantität und Qualität metasprachlich markierter Ausdrücke ein Indikator für eine kritische Haltung gegenüber der herrschenden politischen Ordnung. Allerdings muss ich noch ergänzen: bei Diskussionsforen ist die explorative Kraft metasprachlicher Markierungen viel geringer. Ein weiterer Beleg dafür, wie zentral die Kategorie Textsorte für die automatisierte Sprachanalyse ist.

Ach so, eins noch: klar werden hier Parteien vergleichen und einige gelten dem Verfassungsschutz als links- und andere als rechtsextrem. Ich möchte aber nicht den Eindruck erwecken, dass das Vergleichen ein Gleichsetzen ist.