DIE ZEIT über Kulturwissenschaften im Data-driven Turn

Posted on 22nd August 2014 in Datengeleitete Analysen, Digitale Revolution

Stefanie Schramm hat für DIE ZEIT (N° 35/2014, S. 27) einen großen Artikel über David Eugsters, Noah Bubenhofers und meine Analyse ihres Printarchivs geschrieben.



Kollokationsgraph von ZEIT-Artikeln, die den Tugendframe enthalten

Kollokationsgraph von ZEIT-Artikeln, die den Tugendframe enthalten



Die Studie „Kulturwissenschaften im Data-driven Turn“, die ich schonmal hier im Blog vorgestellt hatte, ist in folgendem Sammelband erschienen:

Scharloth, Joachim/Eugster, David/Bubenhofer, Noah (2013): Das Wuchern der Rhizome. Linguistische Diskursanalyse und Data-driven Turn. In: Busse, Dietrich/Teubert, Wolfgang (Hrsg.): Linguistische Diskursanalyse. Neue Perspektiven. Wiesbaden: Springer VS. S. 345-380.

Das Preprint zum Aufsatz ist hier einsehbar.


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Rederepublik Deutschland: Sind die Online-Medien schuld?

Posted on 14th September 2012 in Linguistische Kategorien, Off Topic, Wortschatz

Sprache konstruiert Wirklichkeit. Dies gilt auch für die Sprache, wie sie in der Politik verwendet wird, vielleicht sogar in besonderem Maße. Denn Politikerinnen und Politiker benutzen die wirklichkeitskonstruierende Kraft der Sprache bewusst für ihre politische Agenda. Ob man vom „Betreuungsgeld“ (Regierung) oder der „Herdprämie“ (Opposition), von der „Kopfpauschale“ (SPD, Grüne, Linke) oder dem „solidarischen Bürgergeld“ (CDU/CSU) spricht, jeweils wird der Gegenstand, über den man spricht, in anderer Weise konstruiert und bewertet. Ich würde sogar soweit gehen, zu sagen, dass es nicht einmal mehr derselbe Gegenstand ist, den man von unterschiedlichen Perspektiven durch das Medium der Sprache erfasst, sondern dass durch die unterschiedlichen Bezeichnungen unterschiedliche Gegenstände konstruiert werden. Was Politiker sagen und wie sie es tun, ist also durchaus von Bedeutung für das Verständnis politischer Prozesse.

Auch bei unseren Leitmedien scheint sich diese Erkenntnis durchgesetzt zu haben. In allen Gazetten schreiben Journalistinnen und Journalisten darüber, was Menschen darüber sagen, was andere, mutmaßlich noch wichtigere, Menschen geäußert haben. War das schon immer so? Oder ist das eine Folge des Online-Journalismus mit seiner auf Aktualität getrimmten Kultur, in der jede Äußerung schon eine Meldung wert ist, ohne in größere Nachrichtenzusammenhänge eingebettet zu werden?

Um diese Frage zu beantworten, habe ich mir die Entwicklung der Frequenz von rund 240 Sprachhandlungs- und Kommunikationsverben in drei Textarchiven angeschaut: dem Printarchiv von Spiegel und ZEIT (1947 bis 2010) und dem Archiv von Spiegel Online (2000 bis 2010). Für jeden Artikel habe ich die Frequenz von Kommunikationsverben relativ zur Anzahl der Wörter berechnet, anschließend habe ich den Durchschnitt über alle Artikel eines Jahres gebildet.

Die folgende Abbildung zeigt, dass die Zunahme des Gebrauchs von Kommunikationsverben kein neues Phänomen ist. Schon seit den 1970er Jahren steigt ihr Gebrauch allmählich an. Parallel zu den Anfängen des Online-Journalismus in den 1990er Jahren verstärkt sich jedoch dieser Anstieg. Anders als vermutet, ist die Frequenz bei Spiegel Online auf den ersten Blick nicht dramatisch höher als bei den Print-Medien. (Lesehilfe: Eine relative Frequenz von 0.02 bedeutet, dass jedes 50. Wort ein Kommunikationsverb ist.)





Die Aggregierung der Daten aus allen Ressorts gibt jedoch nur einen recht groben Eindruck. Die ressortspezifische Verteilung von Kommunikationsverben, insbesondere in den Ressorts, die zum Kerngeschäft des Qualitätsjournalismus gehören, erlaubt eine differenziertere Antwort auf die eingangs gestellte Frage. Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung der relativen Frequenzen in den Ressorts Deutschland (Spiegel Print), Politik Deutschland (Spiegel Online) und Politik (ZEIT Print; die ZEIT differenziert in ihrer Ressortzuschreibung leider nicht zwischen Innen- und Außenpolitik, weshalb ihre Zahlen nur bedingt mit denen des Spiegel vergleichbar sind).





Es zeigt sich auch hier, dass die Zunahme des Schreibens über das, was andere in der politischen Arena gesagt oder geschrieben haben, kein neues Phänomen ist. Doch ist der Unterschied im Gebrauch von Kommunikationsverben zwischen Print- und Online-Medien hier sehr groß. Interessanterweise ist bei Spiegel Online kein Anstieg der Frequenz zu beobachten. Dies bestätigt sich auch beim Blick auf das Ressort Außenpolitik (für die ZEIT hier wieder die Werte aus dem Ressort Politik).





Auch hier verharren die Zahlen bei SPON auf hohem Niveau, die Printmedien nähern sich dem Online-Medium an. Am stärksten hat die relative Frequenz von Kommunikationsverben jedoch in einem anderen Ressort zugenommen: im Ressort Wirtschaft. Auch hier überlagern offenbar zunehmend Berichte über Gesagtes die Berichterstattung zu messbaren Zusammenhängen, bzw. wird die Präsentation von Fakten an deren Verkündigung gekoppelt.





Man müsste das genauer untersuchen, aber als vorläufiges Fazit lässt sich ziehen: Die Personalisierung von Informationen und die Wiedergabe von Aussagen und Meinungen ist eine immer stärkere werdende Tendenz, die durch die Logik der Online-Medien nicht verursacht, aber verstärkt wurde.

Natürlich sind auch Kommunikationsverben dem Wandel der Moden unterworfen. Im gedruckten Spiegel habe ich mal durchgerechnet, welche Kommunikationsverben für die jeweiligen Jahrzehnte typisch sind (alle signifikant, geordnet nach Frequenzfaktor):



2000er: telefonieren, nerven, mitbekommen, prognostizieren, nachfragen, sagen, mitverfolgen, wetten, lachen, bereuen, mitlesen, reden, nachdenken, kapieren, weinen, bewerten, beten, verklagen, streiten, kritisieren, meckern


1990er: petzen, telefonieren, nerven, kapieren, prognostizieren, mitverfolgen, heucheln, maulen, verfluchen, klagen, meckern, ahnen, drohen, beteuern, warnen, jammern, spekulieren, streiten, beschreiben, bereuen, hetzen, suggerieren


1980er: kritteln, mitverfolgen, denunzieren, anprangern, meinen, petzen, differenzieren, beklagen, bejahen, verhehlen, ermutigen, akzeptieren, beschreiben, nachdenken, bemitleiden, postulieren, bedauern, wiederholen, unterstellen, beteuern


1970er: kritteln, postulieren, bejahen, differenzieren, negieren, geloben, erhoffen, konstatieren, prophezeien, beurteilen, empfehlen, verwahren, verneinen, ermuntern, mitlesen, scheuen, voraussehen, monieren, widerlegen, schildern, vermuten, bezweifeln, denunzieren, diskutieren


1960er: gedenken, befehlen, bejahen, gestatten, bemitleiden, konstatieren, verwahren, verneinen, ermahnen, verhehlen, verbitten, bitten, verabscheuen, widerlegen, antworten, bedauern, empfehlen, geloben, bedenken, ermuntern, unterstellen, feststellen, verraten


1950er: gestatten, gedenken, feststellen, vorschlagen, verneinen, ablehnen, kommentieren, antworten, tippen, befehlen, schreiben, bitten, bedauern, bekennen, verabscheuen, verhehlen, beweisen, versichern, beleidigen, bejahen, nachweisen, verbitten


1940er: tippen, singen, betonen, schreiben, sprechen, verbieten, befehlen, bedauern, gratulieren, antworten, feststellen, nennen, gedenken, schreien, staunen, verklagen, lachen, verurteilen, verabscheuen, ablehnen, wetten, verzeihen, verwahren, kommentieren, bereuen, bekennen


Zuletzt noch ein Schmankerl: Weil alle immer auf das Panorama-Ressort von SPON eindreschen, zum Schluss noch ein Vergleich zwischen den Panorama-Ressorts von Spiegel Online und Spiegel Print („Panorama“ bis 1986, ab 1987 Ressort „Gesellschaft“).






So schlimm ist es also gar nicht mit dem Online-Journalismus. Dazu demnächst mehr auf diesem Blog.

Kulturwissenschaften im Data-driven Turn: Zeitgeschichtliche Umbrüche in der ZEIT

Posted on 21st August 2012 in Linguistische Kategorien, Off Topic, Visualisierung

Liebe Freunde der Sicherheit,

Die Kultur- und Sozialwissenschaften befinden sich im Data-driven Turn. Das Arbeiten mit datengeleiteten Methoden steckt zwar noch in den Kinderschuhen, sein Potenzial wird aber immer sichtbarer und beflügelt die Phantasien von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Die Fortschritte in der Digitalen Bildverarbeitung ermöglichen es den Bildwissenschaften, typische Konfigurationen in visuellen Darstellungen datengeleitet zu ermitteln; der Wandel von Musik wird anhand von strukturentdeckenden Verfahren über große Mengen digitaler Musikstücke berechenbar; die Geschichteswissenschaft erfindet sich unter dem Label „Data Driven History“ neu; in der Soziologie werden Daten aus sozialen Netzwerken dazu benutzt, die lebensstilsspezifische Gliederung sozialer Gemeinschaften aufzudecken; und in der Kunstgeschichte lassen sich auf der Basis bildspezifischer Figurationen Kunstgeschmäcke, Sujets oder ganze Kunststile berechnen. Diese Entwicklungen haben das Potenzial, die Kultur- und Sozialwissenschaften nachhaltig zu verändern, weshalb wir von einem Data-driven Turn sprechen wollen.


Datengeleitete Methoden

Data-driven heißt, auf vorgängige Hypothesen zu verzichten, induktiv Strukturen in den Daten zu ermitteln und im erst im Anschluss zu kategorisieren und zu interpretieren. Dadurch geraten Evidenzen in den Fokus, die entweder quer zu den vorher existierenden Erwartungen stehen und die Grundlage für neue Erklärungsmodelle sein können, oder im besten Fall sogar solche Evidenzen, die die Bildung alternativer Analysekategorien nahelegen. Für die Kultur- und Sozialwissenschaften bedeutet der Data-driven Turn, dass sie ihren Datenhunger nicht mehr mit Hinweis auf forschungspraktische Grenzen (begrenzte Ressourcen für Lektüre und Codierung) limitieren müssen. Je mehr Daten, desto besser! Das bedeutet freilich auch: hermeneutische oder dekonstruktive Lektüre jedes einzelnen Exemplars ist unmöglich.


Beispiel: Frames im ZEIT-Archiv

Zusammen mit David Eugster und Noah Bubenhofer habe ich mir das ZEIT-Archiv (1946-2011) vorgenommen, um zu untersuchen, ob sich zeitgeschichtliche Umbrüche berechnen lassen. Hierfür haben wir die Veränderung des Auftretens von Frames und ihrer Vernetzung untersucht. Mit dem Ausdruck „Frame“ bezeichnen wir Interpretationsschemata, mit deren Hilfe wir Erfahrungsdaten verarbeiten. Durch Framing werden Informationen für uns überhaupt erst sinnhaft. Wir beschäftigen uns im Folgenden also mit dem Wandel von Realitätskonstruktionen in der Wochenzeitung DIE ZEIT. Frames werden durch bestimmte Indikatoren aktiviert — wir haben sie anhand der Distribution von Lemmata in Zeitungstexten identifiziert.


Umbrüche

Umbrüche nennen wir jene Zeiträume, in denen sich besonders große Verschiebungen im Frame-Haushalt beobachten lassen. Wir haben sie anhand der jahresweisen Differenzbeträge berechnet: einmal mit relativen Frame-Frequenzen, einmal mit normalisieren relativen Frame-Frequenzen. Während bei der Berechnung der Differenzbeträge der relativen Frequenzen die hochfrequenten Frames ein höheres Gewicht haben, werden bei der Berechnung der Differenzbeträge der normalisierten Frequenzen alle Frames gleich gewichtet. Wie die folgende Grafik belegt, führen aber beide Berechnungsmethoden zu ähnlichen Ergebnissen:



Jährliche Summen der Differenzbeträge aller Frames im Vergleich zum Vorjahr
im Print-Archiv der ZEIT, 1946-2011. Oben: relative Frequenzen,
Unten: normalisierte relative Frequenzen.



Die Grafiken zeigen, dass in den Jahren 1957-1959 (mit Schwerpunkt 1959), 1970, 1981, 1992 und 2008-2010 (mit Schwerpunkt 2008) besonders starke Veränderungen im Framehaushalt im Vergleich zu den Vorjahren zu beobachten sind. Auch die Jahre 2001-2003 können, wenn auch leicht abgeschwächt, als Jahre der Veränderung gelten. Diese Zunahmen im Differenzbetrag deuten wir als Indikatoren für eine starke Veränderung in der semantischen Matrix und damit als Umbrüche im oben beschriebenen Sinn. Insbesondere bei den Umbrüchen von 1969/70, 1980/81 und 1991/92 sind in den folgenden Jahren nur vergleichsweise geringe Veränderungen zu beobachten, während nach den Umbruchjahren 1957-1959 und 2008-2010 eine allmähliche Verringerung der Variation zu beobachten ist.
Einige dieser anhand der Frameanalyse identifizierten Umbruchjahre lassen sich auf zeitgeschichtliche Ereignisse und Entwicklungen beziehen: der Umbruch von 1969/70 könnte als Folge der 68er-Bewegung gedeutet werden, die Veränderungen von 1991/92 als Nachwirkung der deutschen Einheit, die Variation in den Jahren 2001 bis 2003 als Effekt der Terroranschläge vom 11. September 2001 und die starken Veränderungen nach 2008 als Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise. Bei den Umbruchjahren 1957 bis 1959 und 1980/81 ist es jedoch schwieriger, eine plausible zeithistorische Begründung zu finden. Können hier Wiederbewaffnung und Diskussion um die Ausstattung der Bundeswehr mit Atomwaffen, europäische Integration (1957-1959) und NATO-Doppelbeschluss und Friedensbewegung (1980/81) als Erklärung herangezogen werden?


Detailanalyse

Diese Fragen lassen sich nur beantworten, wenn man detailliert untersucht, welche Framekonstellationen sich in den Umbruchsjahren besonders stark verändern. Wir haben die Veränderungen mit Hilfe von Kollokationsgraphen visualisiert, was ich im Folgenden am Beispiel des Umbruchs 1991/1992 illustrieren will: Wir haben einen Frame-Kollokationsgraphen für den ersten Zeitabschnitt (1991) und einen für den zweiten Zeitabschnitt (1992) berechnet und die beiden Rhizome zu einem gemeinsamen Graphen vereint, in dem die spezifischen Frame-Kollokationen der Umbruchjahre hervorgehoben sind. Wie die folgende Abbildung zeigt, lassen sich in diesem Graphen drei Cluster identifizieren, in denen besonders viele für das Umbruchjahr 1992 spezifische Frame-Kollokationen verdichten.



Frame-Kollokationen im ZEIT-Archiv der Jahre 1991 und 1992.
Spezifische Frame-Kollokationen des Jahrs 1992 sind schwarz hervorgehoben.



Besonders interessant erscheint uns das Cluster 2, das sich um die Frames „Freiheit“ und „Nation“ formiert.



Frame-Kollokationen im ZEIT-Archiv der Jahre 1991 und 1992, Cluster 2.
Spezifische Frame-Kollokationen des Jahrs 1992 sind schwarz hervorgehoben.



Der Frame „Nation“ ist dabei erwartbar stark verbunden mit dem „Freiheits“-Frame, welcher wiederum soziologische Frames wie „Mittelschicht“ und politisch-rechtliche wie „Grundsatz“ um sich bündelt aber auch jenen der „Befreiung“. Zugleich entsteht 1992 um den Frame „Nation“ eine Verbindung mit Frames wie „Mode“ und „Geschmack“, „Kunstsinn“, „Kulturelle Entwicklung“. Damit öffnen sich die Verbindungen die der Frame „Nation“ eingeht im Gegensatz zur Situation im Jahr 1991: Im jahresspezifischen Rhizom finden sich keine solchen typischen Bezüge: „Nation“ verbindet sich mit „Herrschen“ und „Politik“. Darin zeigt sich eine Wandel der Konstruktion des Nationalen von einer auf politischem Handeln gründenden staatlichen Einheit (1991) hin zu einer stärker über kulturelle Werte definierten nationalen Gemeinschaft (1992). Zugleich macht das Rhizom Erfahrungsmöglichkeit der Nation und ihrer Wiedervereinigung auf der Ebene persönlicher sinnlicher Konsumerfahrung sichtbar.


Web-Monitoring

Die dargestellten Methoden spielen auch in der sogenannten Sicherheitsinformatik im Bereich Webmonitoring eine Rolle. Veränderungen in den Aktivitätsmustern von Usern und im Themenspektrum von Online-Diskussionsforen können so aufgespürt und auf Kritikalität hin untersucht werden.


Zum Nachlesen

Das Preprint zum Aufsatz zur ZEIT-Analyse ist online verfügbar.

Weitere Analysen zum ZEIT-Archiv auf diesem Blog:


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Themenerkennung durch Kompositaanalyse

Posted on 17th März 2012 in ideology mapping, Linguistische Kategorien

Liebe Freunde der Sicherheit,

heute wollen wir uns eine sprachliche Kategorie ansehen, die zusammen mit anderen einen Beitrag zur Ideologieerkennung leisten kann: Komposita. Die deutsche Sprache ermöglicht es ihren Sprecherinnen und Sprechern ja bekanntermaßen, Wörter aus mehreren Bestandteilen (sog. Morphemen) zusammenzusetzen. Aus dem Nomen „König“ und dem Suffix „lich“ wird zum Beispiel „königlich“. Ein Wort wie „Königstiger“ besteht aus dem lexikalischen Morphem /könig/, einem sog. Fugenelement /s/ und dem lexikalischen Morphem /tiger/. Im ersten Fall, wo ein neues Wort mit Hilfe eines Affix gebildet wird, spricht man von Derviation. Wird ein Wort aus zwei oder mehr lexikalischen Morphemen (also Morphemen, die auch alleine stehen können) zusammengesetzt, dann sprechen Linguistinnen und Linguisten von Komposition.

Die Komposition ist im Deutschen ein sehr wichtiges Wortbildungsmittel, wichtiger als in vielen anderen Sprachen. So können mit Hilfe der Komposition sogar ad hoc Sachverhalte mit neuen Wörtern bezeichnet werden, wenn sich die Bedeutung aus den einzelnen Gliedern erschließen lässt. Denken wir an das schöne Kompositum „Selbstverteidigungsminister“.

Interessant wird es aber wie immer erst dann, wenn man sich Komposita in größeren Mengen anschaut. Denn wenn über ein Thema intensiv gesprochen und geschrieben wird, dann steigt nicht nur die Frequenz des themenspezifischen Wortschatzes, sondern es steigt auch die Anzahl der verwendeten Komposita, die mit Hilfe dieses Wortschatzes gebildet werden können. Augenscheinlich wird dies am Beispiel des lexikalischen Morphems /terror/, dessen Distribution in der ZEIT (print) ich visualisiert habe.


Komposita mit dem lexikalischen Morphem /terror/ in der ZEIT (print) 1995-2011


Man sieht, dass mit dem Jahr 2001 die Frequenz des Lemmas „Terror“ zwar ansteigt, die Verwendung von Komposita (token), die /terror/ enthalten, jedoch noch viel stärker zunimmt. Gleichzeit steigt auch die Anzahl der Komposita (types), die überhaupt verwendet werden. Der themenspezifische Wortschatz differenziert sich mittels Komposition also aus und wird zudem häufiger verwendet. Komposita scheinen also ein guter Themenindikator zu sein, vielleicht sogar ein besserer als Schlagworte.

Wenn man das, was hier am Beispiel von /terror/ illustriert wurde, für den gesamten Wortschatz in einem Korpus macht, erhält man natürlich ein sehr viel aussagekräftigeres Bild. Ich will dies anhand einer Analyse eines rechtsextremen Nachrichtenportals anschaulich machen. Es handelt es sich dabei um den inzwischen sowohl online als auch offline eingestellten sog. „Rundbrief an Freunde und Förderer der volkssozialistischen Bewegung“ mit dem Titel „Der Fahnenträger“. Von diesem Elaborat enthält das Untersuchungskorpus 222 Texte mit zusammen 566.905 laufenden Wortformen.

Um die Aussagekraft der Ergebnisse zu erhöhen, wurde berechnet, welche lexikalischen Morpheme im „Fahnenträger“ signifikant häufiger zur Bildung von Komposita benutzt wurden als in der gedruckten ZEIT der letzten 17 Jahre. Das Ergebnis habe mit den 90 signifikantesten lexikalischen Morphemen habe ich in einer Wortwolke visualisiert:


Der Fahnenträger

DemokratwirtschaftlichirischrevolutionierenMilitärneoliberalpolitischEigentumGewaltLohnarbeitenantiUnionistKundgebungAutonomieDKPimperialBDMimperialistischIreRasseAgrarzentralistischmarxistischPSIGewerkschaftMarxistKAPDKlasseFaschismusRegierungWiderKampfPolitikstaatlichkapitalHerrschaftregierenMachtImperialImperialismusISAFFAUArditiEuzkadiScheringerVWNsozialRUCBDOADGBKapitalSchlageterArbeitOrganisationNiekischBaskeFaschistFrontLinksfaschistischreaktionärNRWirtschaftGSRNNationalerevolutionärBahamasSFMASNKFDFéinBRDParteikapitalistischFiumeAntifaflämischStaatSozialistKPDETAKapitalistnationalNSVolkFlameIRAsozialistischStrasser

Das Ergebnis ist auf den ersten Blick verwirrend: Es finden sich auffällig viele Komposita mit den Akronymen radikaler, extremistischer und terroristischer Organisationen der Linken wie der Rechten, lexikalische Morpheme aus dem Kontext der (marxisitschen) Kapitalismuskritik („neoliberal“, „Lohn“, „Eigentum“, „Klasse“, „Imperialismus“, „reaktionär“, „kapital“ etc.), zugleich aber auch lexikalische Morpheme, die auf nationalistisch-völkische Ideologie verweisen („Volk“, „national“, „Flame“, „flämisch“, „faschistisch“, „Strasser“). Dies entsprach freilich der politischen Selbstverortung der Macher. Sie sahen sich „jenseits des ‚rechten Mainstreams'“ und orientierten sich, laut Endstation Rechts „an Bestandteilen des Rätekommunismus, des Syndikalismus und der ‚Dritten Welle‘ des Weimarer Nationalbolschewismus.“ Dies erklärt auch die häufigen Komposita mit dem Namen Gregor Strassers.

Die Kompositaanalyse scheint also ein durchaus adäquates Abbild des Themenspektrums des „Fahnenträgers“ zu liefern. Dass die Welt auch eine schönere Seite hat, zeigt der komplementäre Blick auf die für die ZEIT typischen lexikalischen Morpheme, aus denen die meisten Komposita bestehen.


DIE ZEIT

MotorEuroberatenSommerBühnePartyFahrtsparenKundeInselTischHerstellerhohÖkoMaschineFarbeEisliebPlatzWerbungSzeneMarkesuperWaldMannManagerTypGartenModellGerätFanModeNachtGeschäftPlatteBaumNetzSchiffRaumSportTierKlangFußballFirmaTraumRomanFernsehStückZimmerSchuleLichtInternetKünstlerRadBandDorfKarteForscherTechnikWeinTestHotelStraßeTourFußProjektTonfahrenHolzLiebeBahnAutoWerkReisReiseTheaterFamilieKunstFilmMusikHausBuchfliegenBildKindforschenStadtFlugBallSpiel


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Das ökonomische 9/11: Fnord in der ZEIT im Verhältnis zum DAX

Posted on 16th Februar 2012 in Off Topic

Liebe Freunde der Sicherheit,

vor einiger Zeit habe ich eine kleine Statistik vorgelegt, die zeigte, dass in SPIEGEL Online der Angstindex im Ressort Politik seit dem 11. September 2001 auf einem höheren Niveau verharrt, als vorher. Der Angstindex ist eine simple Größe: er repräsentiert die relative Frequenz von mehr als 800 potenziell Angst verbreitenden Wörtern und n-Grammen. Ein Angstindex von 0.002 bedeutet, dass jedes 500. Wort das Potenzial hat, auf Sachverhalte zu verweisen, die angstbesetzt sind. Interessant war, dass mit der Finanzkrise der Angstindex im Ressort Wirtschaft erstmals über den im Ressort Politik kletterte.

Natürlich habe ich mich – so wie einige Kommentatoren – gefragt, ob die beobachteten Entwicklungen schon früher bei besonderen Ereignissen in ähnlicher Form auftraten oder ob sie als historisch einmalig und damit als Zeitphänomen gedeutet werden müssten. Da verlässliche Daten für SPON nur für die letzten 12 Jahre zu haben sind, habe ich mir das ZEIT-Archiv vorgenommen und den Fnord-Index seit den 1960er Jahren untersucht. Die folgende Grafik zeigt einen Vergleich des Angstindexes in den Ressorts Politik und Wirtschaft:



Angstindex im ZEIT-Archiv: Vergleich der Ressorts Politik und Wirtschaft



Auf den ersten Blick sieht man, dass auch in der gedruckten ZEIT der Angstindex im Ressort Wirtschaft seit Ausbruch der Finanzkrise über den im Ressort Politik geklettert ist. Anders als bei SPON geht der Angstindex im Politik-Ressort der ZEIT nach dem Maximum nach 9/11 wieder deutlich zurück und steigt erst wieder mit dem Beginn der Finanzkrise.

Betrachtet man die Entwicklung des Angstindex im Ressort Wirtschaft genauer, dann zeigen sich die monströsen Ausmaße, die die ZEIT der Finanzkrise zuschreibt.



Angstindex im ZEIT-Archiv, Ressort Wirtschaft



Niemals vorher kletterte der Angstindex auf ein so hohes Niveau und verharrte dort so lange: Die Ölkrisen, das Ende des Systems von Bretton Woods, das Platzen der Dotcom-Blase und sogar die Verunsicherungen nach dem 11. September 2001 erscheinen marginal angesichts der sich inzwischen über mehrere Jahre hinziehenden Finanz- und Wirtschaftskrise.

Legt man den (zurückberechneten) DAX über die Kurve des Angstindex, dann zeigt sich seit den späten 1990er Jahren ein Zusammenhang zwischen den beiden Kurven.



Angstindex im ZEIT-Archiv, Ressort Wirtschaft, und zurückberechneter DAX



Interessanterweise sieht es so aus, dass die Aktienkurse schon bei einem gleichbleibenden Angstindex steigen. Nur in Zeiten, in denen der Angstindex steigt, fallen die Aktienkurse. So ist der DAX trotz hohem Angstindex nach wie vor auf relativ hohem Niveau.

DISCLAIMER: Der monatliche Angstindex ist ein sehr grobes Messinstrument und ich behaupte nicht, dass er prognostische Qualitäten hat.


Metasprachliche markierte Ausdrücke in der ZEIT im Jahr 2011 und eine kleine Geschichte der BRD in Wörtern

Posted on 6th Januar 2012 in Allgemein, Linguistische Kategorien, Off Topic

Liebe Freunde der Sicherheit,

im vorletzten Post habe ich die Möglichkeit diskutiert, mittels metasprachlich markierter Ausdrücke Ideologien zu identifizieren, die von der herrschenden Semantik abweichen. Auch der publizistische Mainstream markiert Wörter oder Ausdrücke durch Anführungszeichen oder ein vorangestelltes „sogenannt“, wenn auch seltener. In Zeitungen werden vor allem neue, missverständliche oder inhaltlich umstrittene Ausdrücke markiert. Die folgende Wortwolke zeigt, welche Ausdrücke in der gedruckten ZEIT im Jahr 2011 markiert wurden:



Metasprachlich markierte Ausdrücke in der ZEIT (print) 2011



An der Wortwolke werden vor allem die wichtigsten Themen des Jahres sichtbar: Euro-Rettung, Terrorismus (Schuhbomber, Rucksackbomber, Kofferbomber und für uns Freunde der Sicherheit besonders interessant: Unterhosenbomber), arabischer Frühling, Atomkraft (Brückentechnologie, Restrisiko, Liquidator, Fukushima, Energiewende), Protestbewegungen (Wutbürgertum, Plärrer, Empörte) und Selbstverteidigungsminister KT. Es finden sich auch einige Klassiker: „drittes Reich“ und „Führer“ werden in den meisten Medien aus gutem Grund immer in Anführungszeichen gesetzt. Natürlich findet sich auch „alternativlos“ als Unwort des Jahres in der Liste.

Ich habe auch für die anderen Jahrgänge der Zeit solche wordclouds berechnet. In der Gesamtschau erhält man eine kleine Geschichte der Bundesrepublik und ihrer gesellschaftlichen Debatten in einer Liste von Wörtern.

Als Lesehilfe: Je häufiger ein Ausdruck markiert wurde, desto größer wird er dargestellt. In einem Jahr zum ersten mal als markiert auftretende Ausdrücke sind rot, im Vergleich zu den anderen Jahren signifikant häufig auftretende Ausdrücke sind braun gefärbt.





Interessant ist, dass in Jahren von Krisen und Umbrüchen besonders viele Ausdrücke metasprachlich markiert werden. Die Jahre 1966-1969, 1977, 1989/90 sind dafür ein Beleg. Zieht man den Anstieg der Markierungen im Jahr 2011 im Vergleich zu den Jahren vorher in Betracht, dann muss die Diagnose heißen: wir erleben zurzeit einen Umbruch, der den großen Krisenjahren der BRD vergleichbar ist.


Anmerkung: Eine Filterung der Listen war nötig, da insbesondere Buch- oder Filmtitel auch in Anführungszeichen gesetzt werden. Dies wurde mit Hilfe einer Stoppliste automatisiert, eine Nachbearbeitung von Hand war dennoch nötig.

Für bessere Lesbarkeit: jenseits des Blog-Layouts habe ich noch eine schlichte HTML-Seite gemacht.